Brüssel im Ausnahmezustand

Samstag, 21.11.2015, endlich war das langersehnte Wochenende da. Seit Monaten freute ich mich darauf, M und K, zwei Freundinnen aus Norwegen und Dänemark, wiederzusehen. Wir erlebten 2009/2010 gemeinsam ein tolles Auslandssemester und vor ein paar Monaten Brüssel als Ort des Wiedersehens aus. M und K trafen bereits Freitag Abend im Hotel Renaissance ein. Unser aller Rückflug ging Montag Abend (23.11.15), mit je einer Stunde Differenz, meiner als letzter um 19.10 Uhr.

Ich kam Samstag am frühen Morgen am Flughafen Wien an, hatte bereits am Abend davor online eingecheckt. Als ich kurz vor Abflug mein Nachrichten App öffnete, laß ich die erste Schlagzeile „Höchste Terrorwarnstufe in Brüssel, Metro geschlossen“. Ich flog über den Artikel und klickte auf den US-Live Ticker. Nächster Schreck als ich laß „Hotel Rennaissance evacuated“. Ich machte mir Sorgen und schickte eine Nachricht an K und M. Die Antwort kam prompt „We’re OK, we’re still in bed“. Aufruf zum Boarding. Ich zögerte kurz, sollte ich fliegen? Meine nächste Nachricht an K und M lautete „i’m a bit scared“. Sobald ich diese Worte abschickte realisierte ich, dass ich eigentlich keine Angst hatte, aber ich war unsicher. Das Telefon läutete, ich hörte K’s Stimme, so vertraut und zuversichtlich sagte sie „We feel safe, but if you’re scared you should reconsider.“ Ich hatte keine Angst und ich wollte nach Brüssel.

Der Flughafen Brüssel war mit bewaffneten Soldaten besetzt. 10 Minuten nach Ankunft saß ich bereits im Bus Richtung Gare Luxembourg. Während der Fahrt begann es zu Schneien. Endstation, ich stieg aus. Kaum Menschen auf der Strasse. Ich  ging ins nächste Café und fragte drei Einheimische ob sie das Hotel Rennaissance kannten. Sie befragten Google, es war gleich ums Eck. Das Hotel wurde ebenfalls von Soldaten bewacht, das Wiedersehen mit K und M war wundervoll. Die Evakuierung des Hotels stellte sich als Fehlinformation heraus.

Eine Stunde später machten wir uns auf den Weg Richting Altstadt/Zentrum. Es tat gut sich zu bewegen, die schöne Stadt und die Parks zu sehen, auch wenn die Stadt wie ausgestorben war und überall Militärautos standen. Wir mieden Menschenmassen, schafften es aber dennoch zu Mannekin Pis und Grand Place und gönnten uns einen Snack in einem Restaurant dort ums Eck. Um 18 Uhr kamen wir ins Hotel zurück und beschlossen, dass wir den Abend dort verbringen wollten.

Wir fühlten uns wie in einem goldenen Käfig. Wir hatten alles was wir brauchten im Hotel: Essen, Trinken, W-Lan, Pool, Sauna, eine großzügige Junior-Suite, Fernsehen und uns. Wir lachten, yogiierten, feierten unser Wiedersehen und hatten uns soviel zu erzählen, dass die Zeit wie im Flug verging.

Und trotzdem: die Nachrichten wurden nicht besser, die Polizei-Autosirenen konstanter, die Fernsehberichte beunruhigender. Die Strassen waren am Sonntag ein wenig belebter, die Sonne zeigte sich ab und an und es waren mehr Militärwägen präsent. Wir wagten uns tagsüber in den botanischen Garten und am Abend in ein Restaurant, 30 Gehminuten entfernt vom Hotel, zurück zum Hotel nahmen wir ein Taxi. Nächsten Tag laßen wir, dass es in der Restaurant-Gegend in der Nacht Razzien gegeben hat und Strassen gesperrt wurden. Auch am Montag hielten wir es nicht drinnen aus und spazierten eine Einkaufsstrasse entlang. Fast alle Shops waren geschlossen, die U-Bahn nach wie vor ausser Betrieb, sämtliche Museen, Kirchen, Sehenswürdigkeiten und viele Restaurants nicht zugänglich.

Wir sprachen über unsere Ängste und hatten grossen Respekt vor Militär, Politik, Polizei und sämtlichen Organisationen die hier im Einsatz waren und denen wir es zu verdanken hatten, dass wir uns trotz der prekären Situation sicher fühlen durften, mehr oder weniger. Wir verließen die Stadt Montag Abend mit einem mulmigen Gefühl. Wie ging es den Menschen, die in Brüssel lebten? In der eigenen Stadt nicht ausser Haus gehen zu können? Die vielen Polizisten und Sicherheitspersonen, die ihr Leben für die Menschen und am Ende des Tages für unser aller Sicherheit riskieren? Das Service-Personal in unserem Hotel, welches trotz Warnstufe 3 unser Frühstück zubereitete und unser Zimmer sauber machte? Die Menschen am Flughafen, die dankenswerterweise unsere Abreise und den Flughafen-Aufenthalt angenehm gestaltet hatten. Dankbar war ich, als ich zu Hause in meiner Wohnung die Tür hinter mir schloss und wusste, dass ich mich morgen frei und ohne Unsicherheit draussen bewegen konnte, so als sei es selbstverständlich…?!

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Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
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2 Antworten zu Brüssel im Ausnahmezustand

  1. Paul schreibt:

    Danke für den authentischen Bericht, kann mir sehr gut vorstellen, wie mulmig dein Gefühl in dieser Situation war. Wie schade, dass uns solche Fanatiker bedrohen und wie sehr sie bereits jetzt unser freies Leben beeinflussen (kommt noch schlimmer, fürchte ich).

  2. Kerstin schreibt:

    Es gehört ein bißchen Mut dazu, aber man sollte sich nichts nehmen lassen, was man möchte. In dem Sinne: Alles richtig gemacht! Liebe Grüße, Kerstin

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