Tatort U-Bahn

Vor einigen Jahren, als Workaholic mit berufsbegleitendem Studium, betrat ich um halb 9 das Büro und verließ um 21.45 Uhr die FH, Anfahrtszeiten ausgenommen. Das Wort „schnell“ hat sich damals in meinem Sprachgebrauch eingenistet, ganz unterschwellig, gefinkelt und heimtükisch. Ich ging sogar „schnell“ noch auf die Toilette. Mein Privatleben beschränkte sich darauf, einmal in der Woche mit einer Studienkollegin in unserer Lieblings-Diskothek bis in die Morgenstunden zu tanzen, und uns über nicht vorhandene Männer in unserem Leben zu unterhalten. Ich kann mich heute nicht mal mehr daran erinnern, wann ich damals Lebensmitteln einkaufte, weil um 21.45 Uhr hatte kein Geschäft mehr offen und in der Früh vor der Arbeit einkaufen zu gehen, ich glaub diese Möglichkeit wurde einmal nur „schnell“ ins Auge gefasst, aber genauso „schnell“ wieder verworfen.

Einmal, an einem Samstag Nachmittag nach der FH fuhr ich noch „schnell“ zum Baumarkt, auch meine Glühbirnen waren nicht davor gefeit, hin und wieder auszudienen. Vor verlassen der Wohnung riss mein Fingernagel ein, also noch „schnell“ die Nagelfeile in die Tasche geworfen, saß ich kurz darauf in der Straßenbahn, um sie wieder heraus zu holen und zu retten, was nageltechnisch noch zu retten war. Eine ältere Dame neben mir sah mich fasziniert an. Sie war um die 60, adrett gekleidet, sah nach einer netten alten Dame aus. Sie meinte verblüfft „Sagen Sie mal, warum machen Sie denn das nicht zu Hause?“. Bamm. Als hätte mir jemand ein Brett vor den Kopf geknallt blickte ich sie an. Völlig übermüdet und erschöpft, aber bestimmt, antwortete ich „Weil ich einen plus 40 Stunden Job habe und jeden Tag bis kurz vor 10, und manchmal zusätzlich das ganze Wochenende, auf der Fachhochschule sitze und leider keine Zeit für Beauty-Sessions habe.“ Ich widmete mich zufrieden wieder meinen Fingernägeln. Die Zufriedenheit hielt nicht lange an, denn schnell tat es mir wieder leid, ihr so patzig auf eine ganz normale Frage geantwortet zu haben. Und als Sie darauf meinte „Ja warum tun sie sich das denn alles an?“ stiegen mir Tränen in die Augen.

Warum tat ich mir das alles an? Warum lebte ich „schnell“? Warum aß ich regelmäßig in der U-Bahn und hoffte, dass endlich U-Bahn-Freundliche Mahlzeiten auf den Markt kamen, geruchsneutral, gesund, so abgepackt, dass die Beilagen nicht ineinander zerfließen und patzfrei. Ich liebte die U-Bahn Plätze an der Wand, damit mir keiner beim Essen zusah, weil angenehm war es eigentlich auch nicht, sich von U-Bahn-Mitfahrern beim Essen in den Mund schauen zu lassen.

Aber es machte Spaß, das schnelle Leben. Macht es doch oder?

Der Auslöser dieser Erinnerung war wohl der Zeitungsartikel über den Busfahrer, der neulich das Cornetto essende Kind nicht mitfahren ließ. Was ist es für eine Lebensqualität, wenn man sich die Zeit nicht nimmt, zu essen. Oder die Zeit für Körperpflege, oder die Zeit zu telefonieren, oder die Zeit in Ruhe und nicht „in motion“ die Zeitung zu lesen. Was ist es für ein Leben, wenn wir unseren Kindern nicht einmal die Zeit geben, in Ruhe, mitten in der Natur oder zu Hause, ihr Eis zu schlecken. Wir picknicken ohnehin viel zu wenig.

So sehr ich mein damaliges Leben liebte, weil ich so viele Erlebnisse in so wenig Zeit packte, war Lebensqualität etwas anderes. Mein Gefühl sagte es mir damals schon, sonst hätte mich die Frage der alten Dame nicht so aus dem Ruder geworfen. Und sonst würde ich nicht heute noch an sie zurückdenken. Geistig klopfte ich mir eifrig auf die Schulter, dass ich nun zum Lebens-Genießer statt zum Lebens-Junkie geworden bin. „Gut gemacht, der Schnelllebigkeit Einhalt geboten und der Lebensqualität den Vorzug gegeben“, dachte ich und blickte zufrieden auf den Coffee-to-go in der Getränkehalterung meines Autos, daneben am Beifahrersitz das liebevoll zubereitete Joghurt mit Früchten und fragte mich „Wo hab ich jetzt „schnell“ nochmal den Löffel hingegeben?“.

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Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
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