Vienna City Marathon – (m)ein Perspektivenwechsel

Es kommt mir vor als wäre es gestern gewesen, als ich am 18. April 2010 zum ersten Mal Teil des Organisationsteams des Vienna City Marathon war. Ich ging mit meiner Kollegin hinter der Ziellinie zur Medaillenausgabe, wo der Weg durch Security-Personal versperrt war. Ich fragte vorsichtig „Darf ich hier auch durch?“. Und in dem Moment, als sie antwortete „Du bist eine von 7 Personen, auf deren Akkreditierung Organisationsleitung steht. Du darfst und musst überall durch.“, genau in diesem Moment wurde mir klar, welche Verantwortung ich hier mittragen durfte.

Nun war es bereits mein sechster Vienna City Marathon nicht als Läuferin, sondern als Teil des kleinen, aber umso großartigeren Organisationsteams. 12 Monate lang geht es jeden Tag um das Wort Marathon. An 365 Tagen im Jahr denkt man über Verbesserungen nach, entwickelt kreative Ideen zur Inszenierung, plant und setzt um. Es ist ein einzigartiger Job, den nur wenige Menschen wirklich kennen.

Jedes Jahr, wenn der Winter dem Ende zugeht und die (Büro)Tage länger werden, dann strömen plötzlich Menschen aus ihren Häusern und beginnen zu laufen. Sie laufen, weil sie sich vorbereiten. Nämlich auf etwas Großes, an dem man selbst ein Jahr lang gearbeitet hat.

Von diesem Moment an steigt die Nervösität von Tag zu Tag, der Zeitdruck wird größer. Es gibt nur einen Tag X. Der Tag X, an dem alles perfekt funktionieren muss. Der Tag X, an dem um Punkt 9 Uhr und keine Sekunde später mit dem Startschuss ein Teilnehmerfeld von über 42.000 Läufern in Bewegung gesetzt wird und durch Wien strömt. Der Tag X, an dem wir in 6 Stunden, von Startschuss bis Zielschluss alles umsetzen müssen, woran das ganze Jahr gearbeitet wurde.

Aber am Meisten fordert die emotionale Anspannung. Die Nächte, in denen man schlaflos im Bett liegt, um 4 Uhr morgens aufsteht um zu arbeiten weil der Tag X nun einmal nicht verschoben werden kann. Oft stand ich auf, spürte wie erschöpft mein Körper eigentlich schon war, weinte Wasserfälle, setzte die Krone wieder gerade und begab mich wieder auf die organisatorische Zielgerade. Vor zwei Jahren tat mir Wochen davor der Kiefer weh, weil ich unbewusst die Zähne ständig aufeinander presste. Vor 3 Jahren wurde ein Monat vor Tag X mein Auto abgeschleppt weil man mir die Nummerntafeln gestohlen hatte und ich brach bei der Fahrzeugabholung in Tränen aus weil sie mir das Auto nicht geben wollten und ich einfach keine Kraft mehr hatte, mich auch darum noch zu kümmern. Es sind die Wochen davor, an denen man sämtliche Bedürfnisse wie Schlaf, genügend Bewegung oder ausgewogene Ernährung hinten an stellt, sein Privatleben aufs Abstellgleis stellt, weil es in dieser Zeit eben nicht um einen selbst geht. Es ging nämlich um 42.000 Teilnehmer, für die man das ganze Jahr arbeitet und für die man sich selbst eine Zeit lang vergisst.

Ja, es ist ein harter Job. Aber eines macht alles wieder wett, nämlich die Momente am Tag des Vienna City Marathon. Wenn man wach wird, um halb 4, weil die Anspannung so groß ist und weiß, heute ist es endlich soweit. Wenn man an der Ziellinie 1 ½ Stunden vor Startschuss steht und sieht, wie sich das Teilnehmerfeld nach hinten immer weiter aufbaut, bis zu dem Augenblick wo es soweit reicht, dass man das Ende nicht mehr sieht. Wenn sich nach Startschuss die Beine der Läufer in Bewegung setzen, der Boden vibriert und man die Aufregung, die Euphorie, die Freude am Laufen förmlich riechen kann. Der Moment an der Ziellinie mit unendlich vielen strahlenden Gesichtern. Egal ob groß, ob klein, ob dick, ob dünn, ob alt, ob jung, ob Staffelläufer oder Marathoni, an diesem Tag sind alle Helden.

Und dann, wenn der letzte Läufer heil im Ziel angekommen ist weiß man, dass man seinen Job richtig gemacht hat und man bald wieder schlafen kann.

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Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
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