Ein Zwillings-Ei für die nächste Generation

Als ich aufgewachsen bin, hatten meine Großeltern, die an einem winzigen Fleckchen im Südosten von Österreich leben, einen kleinen Bauernhof. 10 Hühner, einen Gockel, ein Schweinchen namens Max und zwei Albinohasen. Der Gockel war ein ziemlich aggressiver, der hin und wieder meinen kleineren Bruder quer durch den ganzen Hinterhof jagte und attackieren wollte. Die Hühner mussten in der Nacht gut verbarrikadiert werden, denn hin und wieder schlich sich ein Fuchs in den Hühnerstall und nahm die eine oder andere Henne mit. Da konnte auch der Hahn nichts machen. Schweinchen Max war ein Lieber und Zutraulicher. Er war mein Freund. Bis er eines Tages kopfüber und aufgeschlitzt an einem Gestell hing, aber er hatte ein glückliches Leben. Auch der Albinohase kam in einem Gewissen Alter unters Messe und weil ich ihn so gern hatte servierte ihn meine Mutter eines Sonntages als „Henne“. Somit hab ich ihn versehentlich auch gegessen. Heute bin ich Vegetarierin, da kann das nicht mehr passieren.

Etwas besonderes war es immer, wenn ich mit Oma „Eier abklauben“ ging. Die wohlig warmen Nester der Hennen wurden eifrig durchforstet. Ganz gleich ob es ein weißes oder braunes Ei war, es war immer schmutzig. Es klebte Stroh und Dreck dran, den die Hennen ganzen Tag im Hof aufsammelten. Der Dreck und das Stroh trugen aber zu dem einmaligen Geruch der Eierschale bei, das sich noch warm anfühlte wenn ich es ins Körberl legte. Jedes Ei war ein Geschenk. Einmal im Jahr wurde die alte Kühltruhe zu einer Brutstätte, wo sich plötzlich unter einer Infrarotlampe winzig kleine gelbe Kücken tummelten, die Opa am Markt gekauft hatte. Solch entzückende kleine Wesen hat die Welt noch nicht gesehen. Sie waren unfassbar weich und immer warm von der Wärmelampe. Sie kuschelten sich immer aneinander und liefen aufgeregt hin und her wenn es Futter gab.

Neulich hatte ich Lust auf ein Spiegelei an einem Sonntag Morgen. Die Eier stammten von der Nachbarin meiner Oma, die Oma immer wenn ich sie besuche schon sorgfältig vorbereitet. Ich schätze das sehr, weil wenn ich den 10er-Karton öffne, tatsächlich noch wie damals Stroh und Dreck auf den Eiern kleben. Ich schlage also behutsam das Ei am Pfannenrand auf und traue meinen Augen nicht: Ein Zwillings-Ei. Ein Ei mit zwei Dottern. Ich musste schmunzeln. Als ich früher mit meiner Mutter Mehlspeise gebacken hatte, sparten wir immer ein Ei ein wenn ein Zwillings-Ei dabei war weil man natürlich für gewisse Mehlspeisen nur eine bestimmte Anzahl an Dottern braucht. Gleichzeitig erkannte ich auch, wie reich Mutter Natur an Überraschungen ist und stellte mir die traurige Frage: Wird auch die nächste Generation auf dieser Welt noch das Wunder „Zwillings-Ei“ erleben? Das Wunder, welches nur glückliche Hühner, die frei aufwachsen, gute Nahrung, viel Sonne, viel Platz und einen beschützenden Gockel haben, zustande bringen? Ja, denn die Verantwortung liegt bei uns, den Raum für diese Wunder zu schaffen und zu erhalten.

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Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
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