Der Weg deines Lebens

„Einen Tag und eine Nacht lang gehen/laufen rund um einen der größten Steppenseen Europas – das ultimative Erlebnis für Körper und Geist“, so lautet die Kurzbeschreibung auf der Website von 24stundenburgenland.

Vor knapp zwei Monaten erfuhr ich das erste Mal auf der Geburtstagsfeier meiner Cousine von dieser Veranstaltung. Neugierig klappte ich am nächsten Tag mein Notebook auf und fand ziemlich schnell wonach ich suchte. Bei der Veranstaltung „24hBurgenland“ geht es darum, in 24 Stunden den Neusiedler See auf einer vorgegebenen Strecke zu umgehen oder -laufen. Die gesamte Runde hat 120 Kilometer, Start in Oggau (westliche Seite des Sees), Richtung Süden. Der Weg führt durch das „UNESCO Weltkulturerbe Neusiedler See“, davon 40 km durch ungarisches Staatsgebiet, auf der östlichen Seite des Sees bis nach Neusiedl (nördlichster Punkt) und zurück auf der Westseite nach Oggau. Anmeldung✓

Eine Woche vorher testete ich bei -1 Grad für 1 ½ Stunden mein Equipment. Gedanken über „Was brauche ich wirklich im Rucksack mit?“ plagten mich ein wenig. Als ich dann aber noch Stirnlampe, Magnesium und Urinella einpackte, fühlte ich mich gut ausgerüstet. Die Wetterprognosen machten mir ein wenig Sorgen, da der Wetterfrosch -6 Grad und Wind prophezeite. Allerdings änderte der Frosch im Laufe der Woche seine Meinung auf Grade knapp unter dem Gefrierpunkt in der Nacht und Plusgrade tagsüber.

Am Abend vor dem großen Tag holte ich mein Startnummernpaket im Gemeindeamt Oggau ab, wo sich die Euphorie in der Luft in Form von Gänsehaut manifestierte. Ich durfte mich bei meiner Oggauer Cousine für die Nacht davor einquartieren. Als ich vor dem Schlafen gehen die Karte studierte, legte ich mein Ziel fest: Ich will es bis Apetlon schaffen (60 km von 120). Ich trug meinen türkisen Glücksbringer-Nagellack auf und wanderte nach einem Abstecher unter die Dusche ins Bett. Nach einigen schlaflosen Nächten freute ich mich nur mehr darauf endlich loszugehen. Die Natur zu erleben, viel frische Luft durch meine Lungen zu pumpen und gemeinsam mit vielen anderen Menschen eine schöne Zeit zu haben.

Freitag, 31.1.2014, 4.30 Uhr, der Startschuss viel für 600 Sportler bei -1 Grad. Die Masse bewegte sich, bog aber schon nach ein paar Minuten falsch ab, wodurch wir auf der Bundesstraße gingen, anstatt auf dem vorhergesehenen Radweg. Die Veranstalter reagierten schnell und animierten alle durch den Weingarten nach rechts abzubiegen um auf den Radweg zu kommen. Unebener Boden und die Höhenmeter durch den Weingarten während des ersten Kilometers trieben mir den Schweiß aus den Poren. Was ich nämlich nicht berücksichtigt hatte bei meiner Vorbereitung war, dass da ja noch ein Rucksack auf meinen Schultern hängt der doch etwas schwer und sehr wärmend war. Aber, nun gab es kein zurück mehr. Ich ging ein längeres Stück des Weges mit drei Männern aus der Umgebung und einer meinte nach einer Weile, dass wir 5,7 km/h im Schnitt gingen. Puh, das war viel zu schnell! Wenn ich so weiterging dachte ich, kann ich nach 5 km meine Cousine anrufen und sie bitten, mich abzuholen, weil ich völlig fertig am Straßenrand liege. Aber eigentlich machte mir die Geschwindigkeit nichts aus, bloß zu wissen dass es 5,7 km/h waren schockierte mich einen Moment. Nachdem ich nach einiger Zeit meine Schnürsenkel enger schnüren musste und ein paar Schluck Tee zu mir genommen hatte verlangsamte ich aber dann mein Tempo ein wenig. Es ging bergauf und bergab, die Sonne ging auf, ich passierte die ungarische Staatsgrenze, langsam wachte die Welt und die Natur auf. Schüler warteten in einer kleinen ungarischen Ortschaft auf den Bus um zur Schule zu fahren. Die Kirchenuhr zeigte 7.30 Uhr, mein Magen knurrte. Ich überlegt kurz und dachte naja, 7 oder 8 km werde ich wohl schon hinter mir haben. Als ich in meinen Apfel biss, passierten mich zwei schnelle Geher, einer von beiden hatte bereits den Jakobsweg in den Beinen und sein Begleiter meinte, ja, wir haben bereits 13 km hinter uns was meine Laune unglaublich hob weil ich gut dabei war. Er munterte mich auf und meinte „Wenn du so weiter gehst, schaffst du es!“. Das Ziel Apetlon zu erreichen, rückte tatsächlich in den Bereich des Möglichen. Bei der ersten Labestation traf ich die drei Männer wieder, die mich am Anfang begleitet hatten. Als wir den Marsch fortsetzten merkte ich aber, dass deren Tempo etwas zu schnell für mich war und meine Blase drückte auch schon ziemlich. Also bog ich schnell in den Wald ab und startete anschließend mit einem Hörbuch um mich ein wenig von den beginnenden Leistenschmerzen abzulenken.

24hBurgenland

24hBurgenland

Ich muss gestehen, als ich einige Zeit später die 30 km Marke passierte, spielte ich mit dem Gedanken aufzugeben. Meine Füße waren unendlich schwer in den Trekkingschuhen, ich hatte keine Lust mehr und schon ansatzweise Blasen auf den Füßen. Eindeutig Zeit für mein Notfallsszenario: dank der Plusgrad war der Boden nicht glatt und ich konnte Wander- gegen Laufschuhe tauschen. Was für eine Erleichterung! Der Rucksack zwar schwerer, aber die Füße wieder leichter. Bei der nächsten Labestation plauderte ich mit einem Mann aus dem südlichen Burgenland, mit dem ich gemeinsam die nächste Etappe durch Wald und Wiese, vorbei an Rindern, Reihern und Schafen ging. Mein Mitschreiter verließ mich allerdings aufgrund von Schmerzen bei der nächsten Labestation, wo für mich noch ca. 12 km ausständig waren um die 60er-Marke zu erreichen. Ich wusste, obwohl ich jeden Muskel und jeden Knochen in meinem Becken- und Beinbereich spürte, dass ich es schaffen konnte. Ich durfte allerdings nicht mehr stehen bleiben, denn danach wurde es jedes Mal zunehmend schwerer den Körper wieder in „Geh-Bewegung“ zu bringen. Mir war allerdings nicht bewusst, dass ich noch das anstrengendste Stück vor mir hatte… Ich passierte den Einser Kanal und war wieder auf österreichischem Staatsgebiet. Nun folgte eine elendig lange, gerade Strecke. Berg und Tal und unebener Boden waren davor leichter zu bewältigen, da es unterschiedliche Geh-Haltungen erforderte. Das monotone Gehen auf Asphalt, gepaart mit eisigem Wind forderten jedoch die letzten Kräfte. Ich versuchte meine Körperhaltung durch vor- und zurückbeugen immer wieder zu verändern. Meine Beine, meine Schultern, mein Rücken und auch die Füße schmerzten. Ich sah ein Auto am Straßenrand stehen, welches anscheinend zur Organisation gehörte  und fragte die Dame, ob sie nach Apetlon fährt und mich eventuell mitnehmen könnte. Ich wollte tatsächlich aufgeben. Aber sie konnte nicht weg von ihrer Position, meinte aber „Ich weiß, Sie können das schaffen, es ist nicht mehr weit!“. Es gab keinen Ausweg, ich musste weiter. Man sah auch den anderen Gehern an der Körperhaltung an, dass sie sich plagten, aber es waren auch welche dabei, die noch fit waren, die mir aufmunternde Worte zusprachen und deren Ziel keine 60km, sondern 120 waren.

Ich war unendlich erschöpft und gleichzeitig sehr happy, als ich kurze Zeit später mein Ziel erreichte. Ich spürte am eigenen Leib, dass ich am 31.1.2014 mit 60 km in 11 Stunden meine körperliche Grenze erreicht hatte (zumindest für diesen Tag).  Aber ich war unglaublich glücklich über:

  • keine Mitfahrgelegenheit kurz vor dem Ziel,
  • die Schuhe gewechselt zu haben,
  • interessante Menschen und Wegbegleiter,
  • die Schönheit der Natur,
  • mentale Stärke und einen weißen Spritzer im Apetloner Dorfgasthof um 15.45 Uhr.

Für viele war in Apetlon das Ziel erreicht, viele machten sich weiter auf den Weg, der bald von Dunkelheit begleitet werden würde. Tiefer Respekt vor denen, die den ganzen Weg geschafft haben. Gleichzeitig ziehe ich meinen Hut vor allen, mit denen ich am 31.1.2014 um 4.30 gemeinsam am Start stehen durfte und vor allen, die in den vergangenen oder darauffolgenden Jahre dort standen und/oder stehen werden.

Werbeanzeigen

Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Der Weg deines Lebens

  1. Solminore schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zu den überwundenen sechzig Kilometern! Ihr Bericht macht Laune, sofort selbst loszulaufen.
    Jetzt würde mich aber mal interessieren: Wie haben Sie sich auf so eine Strecke vorbereitet? Oder sind Sie öfter zu Fuß unterwegs, so daß es keiner Vorbereitung bedurfte? Sie scheinen sich ja recht kurzfristig angemeldet zu haben.

    Beste Grüße,
    S.

    • Miss M schreibt:

      Hallo und Danke! Schön, dass es auch andere motiviert :)
      Ich habe mich folgendermaßen vorbereitet bzw. gehört das mittlerweile zu meinem Alltag: 3 – 4 mal die Woche 40 bis 50 min gehen (das geht ganz einfach wenn man von der Arbeit einfach zu Fuß nach Hause geht) und am Wochenende lange Spaziergänge macht. Regelmäßig Yoga (war wichtig für meine Rückenmuskulatur und Körperhaltung weil langes Gehen nur einseitig belastet) und bei Lust und Laune eine Runde Laufen. Aber ich denke, dass jeder Körper andere Vorbereitung braucht, also einfach das tun was gut tut und Spaß macht :)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s