Spiegel-Bilder

Ein Spiegel denkt man hat ein aufregendes Leben. Einst gab es einen, einen Spiegel von unglaublicher Klarheit und Schönheit. Er wurde an einen besonderen Ort gebracht. Vom ersten Tag an strahlte er wie kein anderer. Er hing gegenüber vom Fenster und wurde jeden Morgen von der Sonne begrüßt. Tag ein, Tag aus, gingen viele Leute am Spiegel vorbei und betrachteten sich. Tag ein, Tag aus, sah der Spiegel viele Gesichter. Viele Gesichter, aber auch viele Masken. Masken, welche die Menschen trugen. Geschminkte Gesichter, lächelnde Gesichter, grimmige Männer, verbitterte Frauen, Menschen mit Perücken, Menschen mit unechten Lippen und Pelzmänteln, Menschen mit Krawatten und Anzügen, Menschen mit hochhackigen Schuhen, Menschen mit schönem Haar, Menschen mit durchtrainierten Körpern, traurige Menschen, Menschen die viel, und manche die wenig sprachen. Jeder betrachtete im schönen Spiegel seine schöne Maske.

Der Spiegel speicherte jedes Gesicht, jede Maske und wurde voller und voller. Er war nicht mehr klar wie am Anfang sondern vergilbte mit jedem Tag mehr. Die morgendlichen Sonnenstrahlen konnten nicht mehr zu ihm durchdringen aufgrund der Schicht die sich auf seiner glatten Oberfläche gebildet hatte. Er konnte nicht mehr klar sehen. Doch die Menschen betrachteten weiterhin ihr Antlitz, immer häufiger, weil auch sie es nicht mehr klar erkennen konnten. All die Masken, all die aufgesetzten Gesichter, er konnte es nicht mehr ertragen.

Eines Abends berührte ihn sanft der letzte Sonnenstrahl bevor sich die Sonne für diesen Tag verabschiedete und in dem Moment, in diesem Augenblick, zersprang der Spiegel. Er zerplatzte in hundert tausend kleine Einzelteile. Die Einzelteile sprangen quer durch den Raum. Da lagen sie, all die Spiegelbilder, verstreut am Boden. Die lächelnde Frau lag unter dem Sessel am einen Ende des Raumes, der reiche Mann an anderen Ende, der grimmige Mann lag neben der verbitterten Frau. Die ganze Nacht lang lagen sie dort, bis am Morgen die Sonne wieder aufging.

Der alte Mann, der jeden Morgen den Raum reinigte, sah als zweiter (erster war die Sonne), was geschehen war. Er ging vorsichtig zwischen den Teilen umher und aus jedem Spiegelstück blickte ihm ein Gesicht und eine Maske entgegen. Außer bei einem einzigen, fünfeckigen, handflächen-großen Stück, welches er vorsichtig aufhob. Dieses Spiegelstück war leer. Es war der einzige Teil des Spiegels der klar und rein geblieben war, einzigartig und unberührt. Der Mann nahm das Spiegelstück mit nach Hause und hängte es an die Wand, an einen Platz wo sich keiner mehr im Spiegel betrachten konnte, wo aber die Sonne jeden Morgen den Spiegel begrüßen durfte. Und das einzige was der Spiegel ab diesem Tag widerspiegelte, war die Schönheit der Natur, das, was er selbst war.

Wir Menschen kommen als einzigartige Wesen auf die Welt, jeder mit seinen eigenen Wesenszügen, Besonderheiten, Farben und Formen. Während des Lebens werden uns von außen viele Masken aufgesetzt, die wir tragen. In der Werbung wird uns erzählt, dass wir glatte Haut und ein faltenfreies Lächeln haben müssen. Unsere Eltern lehren uns Gehorsam und gutes Benehmen. Doch in Wahrheit ist jeder in seiner Einzigartigkeit wundervoll so wie er ist. Wundervoll und frei, sämtliche Masken abzulegen.

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Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
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