Entscheidungen

Es ist später Nachmittag und ich stehe am Bahnhof, wartend auf den Zug. Der Wind fegt durch die großen Säulen, welche die Bähnhofsgleise voneinander trennen. Es ist ein kühler Herbsttag, die Blätter der Bäume haben sich bereits verfärbt und ein paar tanzen zwischen meinen Beinen und denen der anderen Menschen mit dem Wind.

Ich halte mein Zugticket in der Hand, gültig für die Züge die vor mir stehen. Es sind drei Züge, weil eben alle guten Dinge drei sind. Der eine Zug ist blau und trägt die Nummer 28. Der zweite Zug ist grün, mit einem griesgrämig guckenden Schaffner. Der dritte Zug ist rot und ist beschildert mit „Fährt nach Ungewissheit, über Vertrauen“.

Ohne zu zögern wähle ich den blauen Zug (auch wenn der Leser nun denken mag, er hätte den roten gewählt). Die Zug-Nummer 28 ergibt die Quersumme 10, welche in der Numerologie für Neubeginn,  Umbruch, Unabhängigkeit (Auszug der Bedeutung) steht. Die Zugfahrt verläuft ruhig. Die Gleise führen durch sattgrüne Wälder, vorbei and glasklaren Seen. Neben mir sitzt ein Mann, vertieft in sein Buch „Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Als wir zu Plaudern beginnen, vergeht die Zeit wie im Flug. Er hat viele Städte bereist und ist Wissenschaftler. Als wir am Ziel angekommen sind, reicht er mir aus dem Fach über unseren Köpfen mein Gepäck und lächelt mich an. Ich fühle mich zu ihm hingezogen, aufgrund der Vertrautheit die zwischen uns zu spüren ist. Ich lächle zurück, dankbar für die Zeit die wir miteinander verbrachten.

Ich steige in den zweiten Zug, den grünen (auch wenn der Leser noch immer den roten gewählt hätte). Grün ist die Farbe des Herzchakras. Beim Einsteigen lächle ich dem griesgrämigen Schaffner zu, der daraufhin seine Mundwinkel hochzieht. Der Schaffner hatte eine unruhige Nacht, da er kürzlich Vater geworden ist und das Kind noch nicht durchschläft. Der Zug fährt los und etwas hungrig mache ich mich auf den Weg in den Essenswagon. Als ich dort sitze und an meinem Sandwich knabbere, sehe ich die kahlen Felder am Zugfenster vorbeilaufen, die nur mehr darauf warten, bald mit Schnee bedeckt zu werden. Die tief stehende Sonne am Horizont schickt das letzte Licht auf die kleinen Dörfer, in denen die Menschen bald zum Abendmahl am Tisch zusammenkommen werden. Eine Frau setzt sich zu mir. Sie ist etwas älter als ich, hat ein fröhliches Wesen, graues, leicht gewelltes Haar und einen klaren Blick. Als wir zu Plaudern beginnen, wird schnell klar, dass wir auf einer Wellenlänge sind, dieselben Ziele im Leben verfolgen. Wir unterhalten uns über unsere Zukunfts-Pläne und bisherige Erfahrungen, die Ähnlichkeiten aufweisen. Als wir uns verabschieden weiß ich, dass sich unsere Wege wieder kreuzen werden.

Ich wähle den dritten Zug, den roten mit dem Schild „Fährt nach Ungewissheit, über Vertrauen“ und… (was passiert nun, lieber Leser?)

Ich höre die Zugpfeife und spüre den Boden unter den Füßen, der etwas vibriert als die Züge die Maschinen starten. Noch eine Minute bis zur Abfahrt. Ich halte noch immer das Ticket in meiner Hand, das Ticket für alle Optionen. Für die Möglichkeit aus der Fülle des Lebens zu wählen und in alle drei Züge einsteigen zu können. Und dennoch, irgendetwas hält mich zurück. Welche Entscheidung wird die richtige sein?

Richtig und falsch existieren nicht, zumindest nicht wenn es um Entscheidungen geht. Das einzig reale ist die Entscheidung, die wir treffen. Den hinter jeder Entscheidung verbergen sich unendlich viele weitere Möglichkeiten. Mut und Neugierde sind das, was wir dazu brauchen und in uns tragen. Mut, sich einfach zu entscheiden und Neugierde auf die unendlichen Möglichkeiten und schönen Erlebnisse, die sich daraus ergeben. Denn in Wahrheit können wir nie wissen, wohin der Zug fährt. Das einzige was wir tun können, ist zu entscheiden, und sich dabei um seiner selbst Willen dazu verpflichten das Allerbeste daraus zu machen. Und dabei ab und zu beim Zwischenstopp „Vertrauen“ zu halten.

 

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Über Miss M

I am alive. To live the life I consciously choose to create.
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2 Antworten zu Entscheidungen

  1. Sandra schreibt:

    Entscheiden und einsteigen, bevor der Zug abfährt und wir ohne Entscheidung am Bahnhof stehen bleiben! Ja genau. Mein Zug ist weiß, sieht aus wie ein Papierschiff und fährt mich über das Meer aus Tinte in die Welt der Schriftsteller. Ich liebe Metaphern und deine Züge! Danke für die Inspiration.

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